Leitartikel "Forum Zukunft Kultur" von R. Manninger
Kunst für alle
Kunst ermöglicht dem Bürger, an den kulturellen Leistungen teilzunehmen. Ein ständiger kritischer Dialog zwischen Politik und Kunst, zwischen Publikum und Künstlern ist zu befürworten. Der verfassungsrechtlich gesicherte Freiraum künstlerischer Betätigung ist zu schützen. Kunst muss dort gefördert werden, wo Bedarf besteht. Die Aufgabe des Staates ist, für die Erhaltung und die Sammlung des kulturellen Erbes zu sorgen. Der Bewahrung und Pflege der deutschen Sprache sowie der autochthonen Volksgruppensprachen ist besondere Bedeutung beizumessen. Österreichische Kunst und Kultur haben ihre Größe und Schönheit aus der Freiheit als Folge der regionalen Vielfalt gewonnen. Darum soll an den Grundsätzen der Regionalisierung und Dezentralisierung in der Kulturpolitik festgehalten werden. Dazu gehört auch das Brauchtum sowie das kulturelle Erbe der Heimatvertriebenen und Volksgruppen.
Hochkultur (Theater, Oper...)
Im Laufe ihrer Geschichte hat die Menschheit großartige Kunstwerke hervorgebracht. Diese gilt es, zu bewahren und für nächste Generationen lebendig zu halten. Der so genannten Hochkultur widmen sich hauptsächlich überregional agierende Kulturinstitutionen der öffentlichen Hand (Theater, Oper, Tanztheater, Museen...), die zumeist hohe Fördergelder in Anspruch nehmen müssen, um ihren Aufgaben gerecht werden zu können. Deshalb sind gerade diese „Kulturleitbetriebe“ oft heftigen Debatten ausgesetzt, nicht zuletzt auch deshalb, da oftmals die Kosten auszuufern drohen und bei vielen Häusern ein akuter Geldmangel vorherrscht. In der kulturpolitischen Diktion ist zwar zuweilen der wichtige Bildungsauftrag verankert, dieser kann jedoch in der Praxis großzügig ausgelegt werden. So kommt es vor, dass Theater jahraus-jahrein Selbstläufer spielen, kaum lebende Schriftsteller oder Komponisten – geschweige denn heimische - beauftragen, Zeitgenössisches de facto beiseite schieben und den Spielplan immer wieder mit Unterhaltungskunst für ein „Körberlgeld“ auffüllen. Es ist nebenbei überhaupt bemerkenswert, dass die Werke in den großen Häusern im älter werden. Hierbei stellt sich zurecht die Frage, ob beispielsweise die „Oper“ tatsächlich vom Aussterben bedroht ist, oder ob die Theater eine dringend notwendige Verjüngung aus Angst vor Publikumsschwund und Konsequenzen blockieren. Dem gegenüber steht ein Budget, das sich in etwa so zusammensetzt: 25% für die Kunstschaffung, 75% für die Verwaltung, durchschnittlich 15% Eigenleistung, mindestens 80-90% Subventionierung.
Dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand, denn in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wackeln vor allem die von hohen Steuergeldern abhängigen Kulturbetriebe. Die Realität offenbart, dass durch Wirtschaftskrisen ein Theatersterben einsetzt. Es muss daher möglich sein, bei gleich bleibender (oder verbesserter) Qualität und Strukturveränderungen die Eigenleistung bzw. die Produktivität zu steigern, damit der Subventionsbedarf geringer ausfällt und dadurch auch mehr Unabhängigkeit erreicht werden kann. Positive Beispiele der letzten Jahrzehnte bezeugen, dass dies durch großartige Managementleistungen möglich sein kann (ZB. Züricher Oper).
Museen
Die Vielzahl der österreichischen Museen bezeugt eine große Geschichte. Die damit
in Verbindung stehenden Exponate sollten für nächste Generationen gewissenhaft
aufbewahrt, gepflegt und gewartet werden.
Viele Museen leiden jedoch entweder an permanenter Geldnot, an einer diffusen
Ausrichtung oder an beidem. Ein Museum für „Zeitgenössische Kunst“ ist finanziell
anders auszustatten als beispielsweise ein „Heimatmuseum“, da permanent Exponate
zugekauft bzw. Ausleihungen stattfinden müssen. Damit ein Museum für „Zeitgenössische Kunst“ überleben kann, braucht es entsprechende Mittel, um internationale – zuweilen sehr teuere - Ausstellungen an Land ziehen zu können. Ein klassisches Negativbeispiel stellt das Linzer „Lentos“ dar, bei dem Zielsetzung und finanzielle Ausstattung auseinander klaffen.
Volkskultur & Brauchtum
In Anbetracht der Globalisierung, Technisierung und Neoliberalisierung ist der Bewahrung der Volkskultur eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Sie ist ein gewachsener Teil der Geschichte einer Region. Gerade in den Städten wird die eigene Volkskultur kaum mehr wahrgenommen oder ist gar völlig abgedrängt worden. Damit Volkskultur mehr gepflegt bzw. wieder gelebt werden kann, sollte man vor allem der jungen Bevölkerung mehr Zugang ermöglichen.
Musikschulwesen
Das Musikschulwesen ist in Österreich zum Großteil durch die so genannten Landesmusikschulwerke präsent. Diese unterstehen direkt den Ländern, die als Träger
für die Erhaltung sorgen. Dabei steuert die betreffende Gemeinde einen Teil zur Erhaltung bei. Die Musikschule der Stadt Linz ist nicht Teil des OÖ Landesmusikschulwerks.
Alternativ dazu gibt es jedoch eine stattliche Anzahl an privaten Musikschulen, Konservatorien und Musikinstitutionen, die entweder historisch gewachsen sind oder erst in jüngerer Zeit ins Leben gerufen wurden. Für die Erhaltung sorgen Privatpersonen, Firmen oder Vereine. Einen gemeinsamen Lehrplan gibt es nicht. Sie verfolgen autonom ihre Lernziele, stehen untereinander zum Teil in Konkurrenz, müssen aber zumeist wirtschaftlich gegen die hoch subventionierten Landesmusikschulen antreten, weshalb auch die Schulgelder nach außen hin höher erscheinen.
Auch die Landesmusikschulgesetze sind nicht einheitlich, jedoch wird ein Austausch untereinander gepflegt. Einer der fragwürdigsten Punkte ist eben, dass private bzw. parteipolitisch freie Musikschulen und Institutionen beispielsweise in OÖ de facto ausgeklammert werden und somit keinen Zugang zu Förderungen erhalten. Diese kategorisch ablehnende Grundhaltung ist keineswegs nachvollziehbar und gemäß der Österreichischen Verfassung (BVG-Art.7) gegen den Gleichheitsgrundsatz, vor allem auch deshalb, da es Aufgabe der Kulturpolitik sein sollte, Innovationen zu prüfen, Impuls gebende Kräfte zu fördern und Vielfalt zu gewährleisten. Des weiteren sollte Fairness und Gleichbehandlung zu einer demokratischen Grundhaltung zählen. In manchen Ländern – beispielsweise in NÖ – gibt es entsprechende Regelungen für private Musikschulen.
Durch die Vereinheitlichung (bzw. die politische Vereinnahmung) droht eine Monopolisierung und ein politischer Missbrauch. Des weiteren wird Vielfalt, ein gesunder Wettbewerb und Ideenreichtum behindert.
Kinderkultur
Die Entwicklung eines Kindes ist von zahlreichen Faktoren abhängig. Grundlage
für ein gesundes Heranwachsen ist jedoch nach wie vor ein harmonisches Familienleben
mit fürsorglichen Eltern und ein gut funktionierendes soziales Umfeld in einer unbelasteten Umwelt. Doch durch die sich rasant entwickelnde „Material-Gesellschaft“ muss es mit vielen Belastungen fertig werden und sich zahlreichen (fragwürdigen) Einflüssen aussetzen. Der Leistungsdruck auf ein Kind nimmt permanent zu, dem es kaum mehr gewachsen zu sein scheint. Es stellt sich nun die Frage, wie und wodurch „Kinderkultur“ dazu beitragen kann, um ein Kind für die gegenwärtigen und künftigen Aufgaben zu rüsten, es im Kampf gegen bedrohliche Einflüsse (Gewaltspielzeug, Gewaltvideos, Alkoholmissbrauch, Kriminalität etc.) zu stärken, aber auch dessen „Kulturbewusstsein“ zu schärfen. Eine nachhaltige Kinderkultur sollte demnach primär einen erzieherischen und entwicklungsfördernden Charakter einnehmen und zu einem Selbstverständnis beitragen.
Eine verantwortungsvolle Kulturpolitik muss daher entsprechende Rahmenbedingungen und Weichen stellen, damit aus dem „kleinen Bürger“ von heute ein „großer Bürger“ - im Sinne von großartig, humanistisch gebildet, weit blickend und solidarisch – wird, der bereitwillig aktiv oder passiv am kulturellen Geschehen einer Kommune teilnimmt.
Damit so ein Prozess überhaupt in Gang gebracht werden kann, muss ein Kulturpolitiker
das kulturelle Geschehen einer Region beurteilen können. Er muss in der Lage sein -
unabhängig von Parteipolitik – das kreative Potenzial zu erkennen und zu fördern. Weiters muss er selbst weit blickende, visionäre Fähigkeiten besitzen und gewillt sein, diese auch umzusetzen.
Der „Kinderkultur“ kommt heute daher deshalb so viel Bedeutung zu, da sie eine Art
Förderstelle für Kreativität und Bewusstseinsschaffung ist, die folglich kulturbewusste
Bürger in den Kulturkreislauf einspeist. Dass jedoch das Kinderkultur-Angebot vornehmlich von professionellen Künstlern und Protagonisten abgedeckt wird, ist zu wenig. Demnach sollten Kinder vermehrt an kreativen Prozessen teilhaben dürfen und sobald als möglich die Fähigkeit entwickeln, die eigenen schöpferischen Quellen durch Selbstbeschau zu entdecken. Ein entsprechendes Theater für Kinder und die Jugend bzw. eine geeignete Spielstätte für „echtes“ Kinder- und Jugendtheater wäre hierbei sinnvoll. Siehe Reiman Jugendbühne in Linz.
Um einen inne wohnenden künstlerischen Reflex eines Kindes auslösen zu können, bedarf es an der Sensibilisierung seiner Wahrnehmung – dies in Bezug auf sich selbst als auch auf seine Umwelt - , der best möglichen Unterstützung seiner angeborenen Talente und der Förderung der motorischen Fertigkeiten. Dadurch wird nicht nur die Basis geschaffen, um für die Zukunft ein möglicherweise großes künstlerisches Potenzial freizusetzen, sondern auch eine charakterfeste Persönlichkeit herangezogen. Auch dann, wenn ein Kind später keinen künstlerischen Lebensweg einschlagen sollte – was ja mehrheitlich der Fall sein wird -, wird es durch das Erlernte und Wahrgenommene in Zusammenhang mit kreativem Gestalten ein gewisses „Kulturbewusstsein“ entwickelt haben. Da das Kind früh gelernt hat, dass Schaffen bzw. Schöpfen mit Aktivität – also mit Einbringung von Eigenleistung, mit Auseinandersetzung und Umsetzung von Ideen, aber auch mit Ernten von Lob und Tadel verbunden ist -, zu tun hat, wurde ihm die Bedeutung des Kreislaufes von Geben (Darbietung) und Nehmen (Applause) – sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht – bewusster gemacht. Sein Verständnis für Kunst und kulturelle Aktivitäten, aber auch seine Fähigkeit, konstruktive Kritik zu üben, wird gesteigert. Zudem wird sein soziales Verhalten und der Gemeinschaftssinn gefördert.
Jugendkultur
Historisch bedingt wird „Jugendkultur“ zumeist mit „Protestkultur“ (gegen das herrschende Establishment) in Verbindung gebracht. Diese hat im Laufe der jüngeren Zeit zahlreiche Trends und Strömungen hervorgebracht, die mehr oder weniger Einfluss auf Mensch und Gesellschaft ausübten. Die Jugend zu Beginn des 21.Jhdts hat es besonders schwer, da die Zukunftsperspektiven durch Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung und Werteverfall sehr düster sind. Viele junge Menschen empfinden dadurch ein Sinn entleertes Leben, wodurch die Gefahr besteht, dass sie zu schädigendem Ersatz greifen, vor der Realität flüchten
und dem Alkohol- und Drogenkonsum verfallen. Schlimmstenfalls gleiten Jugendliche in die Kriminalität ab, die bedauerlicherweise in den letzten Jahren zugenommen hat. Werden lebenswichtige Anliegen der Jugend nicht befriedigt, ist eine bedrohliche Eskalation die mögliche Folge. Die Jugend braucht also ein friedliches, Existenz sicherndes soziales Umfeld, Raum für Eigeninitiativen, Hoffnung und Mut für Veränderungen und Verbesserungen und Zukunftsvisionen. Die „Jugendkultur“ hat im Anschluss an die „Kinderkultur“ dafür zu sorgen, dass das kreative – mitunter experimentelle Potenzial – eines jungen Menschen gefördert wird. Dies erfordert entsprechende Freiräume, Rahmenbedingungen und Strukturen, damit sich die Jugend künstlerisch entfalten kann. Eine lebendige Jugendkulturpolitik bedeutet aber auch, die Jugend anzuleiten, sie aufzuklären und ihr Verantwortung zu übertragen.
Architektur
Die Architektur widerspiegelt am sichtbarsten die Gegenwart. Sie versucht, durch Formgebung und Raumgestaltung der Zeit und Gesellschaft einen Körper zu geben. Die architektonischen Gestaltungsmöglichkeiten scheinen heutzutage nahezu unbegrenzt zu sein. Auffällig ist jedoch, dass vornehmlich der Funktionalität Priorität eingeräumt wird.
Aus diesem Grund wirken gerade öffentliche Bauten steril, kalt und befremdend. Dass aber gerade der Bürger nicht mit Unbehagen ein öffentliches Gebäude (Bürgerhaus) betreten sollte, sollte eigentlich mitberücksichtigt werden. Daher scheint es für die Zukunft überlegenswert, architektonisch mehr Bürgernähe und Wärme zu symbolisieren.
Radio – Film - Fernsehen
Mehr Filmförderungen für einheimische Künstler sollte das Ziel sein. Der ORF als
hochsubventionierter öffentlicher Gebührensender sollte mehr österreichische Filmkunst in sein Programm mit einbeziehen. Die Präsenz heimischer Musiker im überregionalen Radio (beispielsweise Ö3) ist seit Jahren unter jeder Kritik. Diese sollte in Quoten festgehalten werden, damit der einheimischen Musikszene ein entsprechendes, lebensnotwendiges Forum geboten wird.
Kulturförderungen
Die Kulturförderung ist in Österreich – insbesondere auf Landes- und Gemeindeebene – stark mit Parteipolitik verbunden, dh. parteipolitische Kulturinstitutionen bzw. Vorfeldorganisationen sind die eigentlichen Nutznieser des Systems. Freien bzw. parteipolitisch unabhängigen Institutionen wird der Zugang zu öffentlichen Zuwendungen oftmals verwehrt oder zumindest erschwert. Dieser politische Missbrauch widerspricht der "Österreichischen Verfassung" (BVG-Art.7) und kommt einem Willkürakt gleich. Dabei kommt es nicht selten vor, dass parteipolitsche Kulturinstitutionen zwecks Parteienfinanzierungen (über Quersubventionierungen) missbraucht werden.
Durch die gegenwärtige Praxis wird Zensur über Nichtsubventionierung der echten freien Kulturschaffenden betrieben. Weiters besteht die Gefahr der ausufernden Monokultur und des Kulturzentralismus.
Spenden für die Kultur
Firmen, Organisationen und private Personen sollten Spenden an Künstler, Kulturschaffende und Kulturbetriebe von der Steuer absetzen können. Diese Forderung wurde zwar vor jeder Wahl versprochen, jedoch bis heute nicht eingehalten.
Leitartikel Forum Zukunft Kultur/Reiman


