Der verlassene Mittelstand!
Leserbrief an alle Zeitungen
Wir - die kleinen Selbständigen - sind die Deppen des 21. Jahrhunderts! Tagtäglich mühen wir uns ab, um am Markt bestehen zu können! Rund um die Uhr müssen wir ums Überleben kämpfen. Oft steht uns das Wasser bis zum Hals. Wir haben nie die Gewissheit, wie es weitergehen wird und ob wir morgen noch unsere Familien erhalten können. Vierundzwanzig Stunden am Tag quälen uns Kummer, Sorgen und Ruhelosigkeit. Unser Leben ist ein Spießroutenlauf. Freizeit ist nahezu ein Fremdwort, denn Existenznöte kennen keine Stechuhr.
Wir kämpfen gegen eine globale Wirtschaftsmafia einerseits und gegen ein von
Politik und Subventionen durchfressenes ungerechtes Wirtschaftssystem andererseits. Wir müssen bei Banken betteln, die unser Geld verzocken. Unsere Konten wurden zum Selbstbedienungsladen - die einen nehmen, die anderen kontrollieren. Wir schöpfen, produzieren und sind innovativ. Wir schaffen Werte und zahlen Steuern, die andere verschwenden. Auch müssen wir sie eintreiben – für Arbeiter, Angestellte und Menschen, die wir nicht einmal persönlich kennen. Ein Dankeschön erhalten wir dafür nicht. Stattdessen halst man uns stets neue Lasten auf, indem wir tausende Zetteln und Statistiken ausfüllen müssen. Wir tragen für alles die Verantwortung, werden jedoch bestraft, wenn wir nicht erfüllen - auch für Fehler, die wir nicht begangen haben. Wir müssen Ausfälle verkraften, Krankenstände kompensieren, Faulheit akzeptieren.
Wir müssen mit einer von Bürokraten, Staatsbeamten und Kämmerern geschaffenen Verordnungsflut zurechtkommen. Hinterm Schreibtisch sitzend warten diese aufs Geld zum Monatsende, das wir erwirtschaftet haben. Sie schreiben vor, wie und was wir für sie zu leisten haben, halten die Hand auf, auch dann noch, wenn es längst nichts mehr zu verteilen gibt. Sie leben auf Kosten der Fleißigen und der nächsten Generationen in diesem Staate. Sie bestimmen die Regeln und zwingen uns, bei ihrer Kammer Mitglied zu sein, die wir nur aus Prospekten und von Zahlscheinen her kennen. Schutz genießen wir keinen. Wir werden von Behörden bis zum Zusammenbruch traktiert, ausgequetscht und ausgepresst - gnadenlos. Die selbsternannte Wirtschaftspartei hierzulande hat uns verraten, ausgeliefert - an „Schwarze Beamte“, die eisern das Zepter in der Hand halten. Wir verdienen oft weniger als die eigenen Mitarbeiter. Falls wir die Pension erleben dürfen, erhalten wir zumeist nur Mindestrente, weil wir ein Leben lang abgeben mussten und dadurch nur selten Gewinne erwirtschaften konnten.
Wir dürfen nie krank werden, weil es hierfür an Zeit fehlt und weil wir uns den Krankenstand als Kleinbetrieb nicht leisten können. Falls doch, so müssen wir draufzahlen. Unsere Sozial-Versicherung macht Profite - kein Wunder bei der Disziplin ihrer Zwangsmitglieder. Als Gegenleistung müssen wir jetzt zweimal zahlen und dürfen bei Bedarf unser eigenes Geld wieder zurück erbetteln. - Wir sind die Sklaven der Neuzeit. Wir sind der verlassene Mittelstand. Wir sind viele – sehr viele. Legt eure selbständige Arbeit nieder und erhebt euch!
Reinhard Reiman, Gemeinderat der Stadt Linz, Selbständiger


